Teil 2:

Dino Fino und die kauderwelschbrabbelnden Kobolde

Lange haben wir uns darauf gefreut - jetzt isses da!

 

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Kap1 Wurzelbehandlung
00:00 / 13:05

  Kapitel 1: Wurzelbehandlung

„AUUUUUAAAHHHHH!!!“, kreischt Ricky, als sich Frau Dr. Hauerschau-Bohrneo über ihn beugt. Die Schulzahnärztin richtet sich wieder auf und verdreht genervt die Augen. Sie sagt: „Ricky, ich habe mich jetzt zum fünften Mal über dich gebeugt, ohne dich überhaupt zu berühren! Und du schreist jedes Mal wie am Spieß! So kommen wir hier nicht weiter!“ Sie dreht sich um, schüttelt den Kopf und flüstert ihrer Sprechstundenhilfe zu: „Jedes Jahr dasselbe Theater mit der alten Schissbuxe!“ Offenbar kennen sich die beiden schon aus der Grundschule.

 

Auf der anderen Seite des Vorhangs stecken die Eltern mit ihren Kindern die Köpfe zusammen. Einige schütteln verständnislos den Kopf und schauen auf die Uhr, andere müssen sich mühsam ein Lachen verkneifen. Dazu gehören auch Dino und seine Eltern.

Was genau ist hier los? Nun, wir befinden uns in der Aula des Echsnasiums. Einmal im Jahr werden hier die Kinder von der Schulzahnärztin untersucht. Und wenn sie bei einem Kind Probleme feststellt, dann spricht sie mit den Eltern. Und wer will, kann dann gleich auch einen Termin mit der Frau Doktor vereinbaren.

Dino war schon dran, bei ihm war natürlich alles vorbildlich. Ebenso bei Sauriah, und auch schon fast alle anderen Kinder sind fertig. Nur nicht Rickbert Rexkowski, unser frecher T-Rex mit der normalerweise unendlich großen Klappe. Aber immer, wenn die Zahnärztin kommt, wird Ricky ganz klein und mucksmäuschenstill. Wo er sich sonst rücksichtslos vordrängelt, stellt er sich hier jedes Jahr freiwillig ganz hinten an.

 

Hinter dem Vorhang stoßen sich die anderen Kinder grinsend gegenseitig an, und Sauriah und ihre Freundinnen müssen sich schon die Hand vor den Mund halten, damit sie nicht laut loslachen. Frau Brontmann, ihre Klassenlehrerin, versucht zwar, streng zu ihnen herüberzuschauen. Aber auch ihr ist anzumerken, dass sie sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen kann.

Die Zahnärztin versucht es noch einmal. Ricky beißt seine Zähne so fest zusammen, dass man sie knirschen hört. Seine kleinen Ärmchen hat er, so weit es geht, trotzig vor der Brust verschränkt. Rickys Mutter tupft sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und dreht sich weg. Sie kann ihren kleinen Schatz einfach nicht leiden sehen. Dabei ist doch noch gar nichts passiert! Vater Rotzkopf sitzt auf einem Stuhl und blättert genervt in einer Sportzeitung, und zwar so feste, dass ein paar Seiten dabei einreißen. Ihm geht gleich die Geduld aus, das ist deutlich zu spüren.

 

„So, lieber Rickbert, jetzt machen wir noch einmal das Schnütchen auf … sag mal AAAAAA!!!“ Ricky ringt mit den Tränen, aber als seine Mutter ihm aufmunternd zunickt, öffnet er seinen riesigen T-Rex-Mund. Als die Zahnärztin sieht, was er da entblößt, muss sie sich wirklich sehr anstrengen, um nicht laut loszulachen. Denn Ricky hat nur ein paar kleine Stummelzähnchen. Von dem riesigen und gefährlichen Gebiss eines erwachsenen Tyrannosaurus Rex ist er offensichtlich noch meilenweit entfernt.

 

Jetzt reicht es Vater Rexkowski. Er legt seine Sportzeitung weg, steht auf und baut sich vor der Ärztin auf. Die Goldketten um seinen Hals klimpern laut, und sein dicker Bauch schaut unter dem Unterhemd hervor. Seine Fäuste stemmt er wütend in seine Hüften.

„Sagen Sie mal, was sind Sie überhaupt für eine Zahnmaurerin! Seit einer Viertelstunde sitzen wir jetzt schon hier herum, und Sie quälen den Kleinen nur unnötig! Wie wäre es denn, wenn Sie endlich mal Ihren Job machen würden, Sie … Sie …“ Er schnaubt wütend, aber ihm will einfach nicht das passende Schimpfwort einfallen.

 

Auch Ricky hat sich jetzt aufgerichtet, und auch er hat seine kleinen Ärmchen wütend in seine Hüften gestemmt. „Genau! Dafff machen Fffie doch exffftra!!!“ Wir erinnern uns: Immer, wenn Ricky aufgeregt ist, fängt er an zu lispeln und zu sabbern. Und natürlich lässt er wieder – PRÖÖÖT – laut einen fahren. Die Zahnärztin hält sich ein Taschentuch vor die Nase und macht ein Fenster auf. Hinter dem Vorhang hält sich ein Mädchen die Hand vor den Mund, springt auf und rennt schnell zum Klo. Der Gestank brennt sogar in den Augen.

 

„Klempnerin“, sagt die Zahnärztin gelangweilt. Sie nimmt ein weiteres Tuch zur Hand und wischt sich Rickys Spucke von ihrem Kittel. Papa und Sohn Rexkowski schauen sie beide mit offenen Mündern fragend an. Dabei machen beide ein ziemlich dummes Gesicht. Frau Dr. Hauerschau-Bohrneo dreht sich zum Vater um und sagt: „ZahnKLEMPNERIN. Nicht Zahnmaurerin. Wenn man sich respektlos über Zahnärzte äußern möchte, nennt man sie Klempner. Nicht Maurer.“

 

Das kann Vater Rexkowski natürlich unmöglich auf sich sitzen lassen. „Ja sicher, Sie … Sie …Sie …“ Und natürlich fällt ihm jetzt erst recht kein passendes Schimpfwort mehr ein. Irgendwie hat ihn diese Zahn-Tussi aus dem Konzept gebracht. Er schnaubt nur wütend. Trotzdem versucht er es noch einmal. „Und warum habe ich dann Zahnstein? HÄÄÄH?“ Er reißt sein großes Maul auf und zeigt auf seine ungepflegten, verkrusteten Zähne. „Zahnstein – Zahnmaurer! Verstehen Sie? Stein – Maurer … das gehört doch wohl zusammen, oder? Außerdem bin ich Unternehmer! Bauunternehmer! Mit Steinen und Maurern kenne mich aus, Sie Spinatwachtel!“

 

Die Zahnärztin guckt ihn fassungslos an und dreht sich dann weg; die Beleidigung ignoriert sie. Vater und Sohn Rexkowski grinsen sich an und versuchen, sich „Fünf“ zu geben. Sie verpassen aber wegen der kurzen Ärmchen das kleine Händchen des anderen. Ricky macht natürlich mit: „Und wenn ich mal groß bin, dann hab ich nicht nur Zahnstein wie mein Vater, sondern ich hab dann sogar Zahnfelsen!!!“ Vater Rotzkopf sagt mit einem breiten Grinsen „Genau!!!“ und zeigt seinem Sohn das aufgerichtete kleine Däumchen.

 

Ja, liebe Kinder, das kann schon mal passieren! Dass zwei Dummköpfe überzeugt davon sind, recht zu haben, nur weil sie einer Meinung sind. Aber davon sollte man sich natürlich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

 

Auf der anderen Seite des Vorhangs schauen sich Vater und Sohn Fino tief in die Augen und schütteln dann fassungslos den Kopf. Und dann zieht jeder eine Augenbraue und einen Mundwinkel hoch. Vater Federigo die linke Seite, Sohn Dino die rechte. Das sieht ziemlich lustig aus.

 

Frau Brontmann hält sich verschämt eine Hand vor die Augen und schüttelt ebenfalls mit dem Kopf. Und Dinos Mutter fächelt sich mit einer Zeitschrift frische Luft zu. Auch die anderen Eltern und Kinder tuscheln und kichern. Also man war ja von den Rexkowskis einiges gewöhnt, aber das hier war schon wirklich eine ganz besonders peinliche Vorstellung.

 

Das war jedoch noch lange nicht alles. Rickys Mutter geht besänftigend auf ihren Mann zu, bringt ihn wieder zu seinem Stuhl und drückt ihm seine Sportzeitung in die Hand. Dann geht sie zu Ricky und spricht beruhigend auf ihn ein: „Jetzt pass mal auf, mein kleines Schmatzipufferle, du lässt jetzt die Frau Doktor einfach nur mal kurz in deinen Mund schauen. Sie wird dir schon nicht wehtun! Und sobald wir damit fertig sind, fahren wir mit dir in ein Spielzeuggeschäft, und du darfst dir ein tolles Geschenk aussuchen!“

 

„Zwei!“, erwidert der unverschämte Ricky. „Von mir aus auch zwei!“, brummelt der Vater, „Hauptsache, der Mist hier hat bald ein Ende!“

 

Widerwillig macht Ricky seinen Mund auf. Seine Mutter steht hinter ihm und krault ihm das Köpfchen. Sie starrt die Ärztin drohend an, als wolle sie sagen: Wehe, wenn Sie meinem kleinen Engel wehtun! Als die Ärztin sich Rickys Zähne genauer ansieht, verdüstert sich ihr Gesicht. Ihre Stirn zieht sich kraus, als sie Rickys Mutter anspricht: „Sagen Sie mal, isst es denn gern Süßes, Ihr kleines Schmatzipufferle?“

Hinter dem Vorhang hört man lautes Prusten und Schnaufen. Schmatzipufferle … das war dann doch zu viel. „Zuckerratten. Am liebsten nascht er karamellisierte Zuckerratten!“ Die Zahnärztin verdreht angewidert die Augen. Denn sie gehört selbst zu den Sauropoden, ist also wie die Finos auch Pflanzenfresserin. Rickys Mutter will erklären: „Das sind Ratten, die …“ Die Zahnärztin winkt ab. „Ich weiß. Das sind Ratten, die ihr ganzes Leben lang ausschließlich mit Honig gefüttert werden. Am Ende bestehen sie dann zu über 50 % aus Zucker, haben dafür aber keine Zähne mehr im Mund. Die sind ihnen nämlich schon abgefault!“ Ricky leckt sich genüsslich über die Lippen. Die Zahnärztin beschließt, dazu jetzt besser nichts mehr zu sagen. Diesen komischen Typen hier war offensichtlich nicht mehr zu helfen.

 

Natürlich merkt Mutter Rexkowski, was die Zahnärztin von Rickys Vorlieben hält. Nun ist sie es, die ihre kleinen Fäuste wütend ballt. Und sie kreischt mit ihrer Stimme, mit der sie locker einen ganzen Schwarm Papageien übertönen könnte: „Gibt es dagegen etwa irgendetwas einzuwenden? Mein Engelchen ist doch noch ein Kind! Und Kinder lieben Nunmal SüSSes!“

Die Frau Doktor denkt: Das ist ein Thema, das solltest du alte Ziege besser nicht mit mir diskutieren! Normalerweise müsste ich dir jetzt erklären, wie wichtig vernünftiges Zähneputzen für Kinder ist. Vor allem, wenn sie gerne so einen Mist essen. Aber dann denkt sie: egal, reden bringt bei solchen Leuten nichts. Hauptsache, sie wird diese peinlichen Gestalten so schnell wie möglich los.

 

Und wieder von vorn: Ricky lehnt sich noch einmal zurück und macht widerwillig den Mund auf. „Schau doch einfach aus dem Fenster, das lenkt dich vielleicht ab!“, sagt die Ärztin zu ihm. Ricky dreht den Kopf ein wenig zur Seite und blickt hinaus. Da ziehen die Wolken von rechts nach links vorbei, und ein Schwarm Vögel fliegt von links nach rechts. Und die Äste eines riesigen Baumes, der direkt vor dem Fenster steht, wiegen sich sanft im Wind. Wirklich schönes Wetter, denkt Ricky, und merkt gar nicht, wie die Zahnärztin einen gar nicht so kleinen Metallhaken zur Hand nimmt, um ihm die dreckigen, klebrigen Beläge von einem besonders braunen Zahn zu kratzen.

 

Plötzlich denkt Ricky, dass er seinen Augen nicht trauen kann: Was zum Teufel ist denn das da auf diesem dicken Ast? Sind das Eichhörnchen? Nein, unmöglich. Ein Eichhörnchen trägt doch keinen Cowboy-Hut! In diesem Moment krabbeln drei Gestalten auf dem Ast näher an das Fenster heran. Ricky glaubt, dass er träumt.

 

Was um Himmels willen ist das? Sie zeigen mit dem Finger auf ihn und lachen so sehr, dass sich einer an seinen Kumpanen festhalten muss, um nicht vom Ast zu fallen. Plötzlich drehen sich zwei der Knirpse um, ziehen ihre Hosen herunter und zeigen ihm den nackten Hintern! Da schreckt Ricky hoch und deutet mit seinem kleinen Fingerchen auf den Baum:

„Da fffind … kleine weifffe Mäufffe mit Hüten!“, schreit er entsetzt. Die Erwachsenen schauen aus dem Fenster, sehen aber nichts. „Und FFFWEI MÄufffE haBEN mir ihren nackten Hintern gefffeigt!“

 

Hinter dem Vorhang ist nun lautes Gelächter zu hören. Da kann sich jetzt keiner mehr zusammenreißen. Rickys Mutter Rabiata tätschelt ihm das Köpfchen, macht am Waschbecken ein Handbuch nass und legt es ihm auf
die Stirn. „Pschschschttt, mein kleiner Engel, das war heute wohl alles ein bisschen zu viel für dich!“

 

„NEIN!!! Wirklich, da waren drei … Ratten oder wafff weifff denn ich. Eine hatte einen Cowboy-“, und bevor er „‑hut“ sagen kann, sieht er entsetzt die Blutspritzer, die er der Ärztin offensichtlich soeben auf den Kittel gespuckt hat. „Oh warte, ich glaube, du hast dich gerade an meinem Werkzeug verletzt, als du den Kopf so schnell herumgerissen hast!“ Und Rickys Gesicht wechselt die Farbe: und zwar von seinem gesunden Dunkelbraun zu einem blassen Graubeige.

 

Prompt schmeißt Vater Rexkowski die Sportzeitschrift weg und springt auf. „Sie Quecksilberin! Sie haben meinen kleinen …“ Und in dem Moment sieht er einen dünnen Blutfaden an Rickys Kinn herunterlaufen. Er reißt entsetzt die Augen auf, wird leichenblass. Er versucht zwar noch, sich an dem Tischchen mit den Zahnarztinstrumenten festzuhalten, verliert aber die Besinnung und kippt der Länge nach um. Dabei reißt er den Tisch, die Zahnarzt-Instrumente und eine Lampe mit sich. Alles zusammen landet scheppernd auf dem Boden. Da klappt auch Ricky zur Seite weg und wird bewusstlos. Seine Zunge hängt ihm seitlich aus dem Mund.

 

Mutter Rexkowski schaut sich das Spektakel an, lässt sich auf einen Stuhl fallen, stützt ihren Kopf in die Hände und sagt genervt: „Ich halte das echt nicht mehr aus mit den beiden!“

 

Die Ärztin sagt nur noch genervt: „Quacksalberin. Aber egal.“ Und hebt ihre Instrumente wieder auf. „Und Ihr kleines Schmatzipufferle braucht eine Wurzelbehandlung, bitte machen Sie einen Termin.“

 

Tja, liebe Kinder, ihr werdet es schon ahnen: Natürlich hat Ricky in dem Baum keine Eichhörnchen gesehen, und auch keine Mäuse oder Ratten. Diese drei kleinen Wesen heißen Gnorch, Krepkok und Litaxa, und sie kommen aus einem fernen Land. Und natürlich werden sie unsere Geschichte ordentlich aufmischen. Aber bis wir sie das nächste Mal treffen, braucht ihr ein kleines bisschen Geduld. Denn morgen ist erst einmal wieder ein ganz normaler Schultag.

Kap2 Edgar Fettgar
00:00 / 15:40

 Kapitel 2: Edgar Fettgar

„Quecksilber? Nicht Quacksalber? Der Dummkopf hat die Ärztin wirklich als Quecksilber beschimpft?“ Sauriah starrt Dino mit einem fassungslosen Grinsen an. Dino antwortet, mit Tränen vor Lachen in den Augen: „Ich schwöre, das hat der alte Rexkowski gesagt!“ Sauriah kommt aus dem Kichern gar nicht mehr raus. „Schade, das hab ich wirklich nicht mitbekommen, da war ich wohl auf dem Klo!“ „Ja, das warst du!“, rutscht es Dino raus. Mist, denkt er, jetzt weiß sie, dass ich sie die ganze Zeit beobachtet hab …

Schnell will er vom Thema ablenken. „Dabei handelt es sich aber natürlich um ein chemisches Element!“ „Genau!“, sagt Sauriah, und setzt sich ziemlich selbstbewusst in Position. „Und zwar um das einzige Metall, das bei Zimmertemperatur flüssig ist!“

Verdammt, denkt Dino, die hat ja ganz schön was auf der Pfanne. Aber er gibt nicht auf. „Und obwohl es giftig ist, ist es in vielen Thermometern drin!“ Und er denkt sich: Ha! Das letzte Wort ist bei mir. Aber nichts da, Dino, jetzt stemmt Sauriah ihre Arme in die Seiten, lacht ihm frech ins Gesicht und setzt noch einen drauf: „Genau! Und obwohl es giftig ist, war es früher Bestandteil vieler Arzneimittel!“ VERDAMMT!!!, denkt Dino, das wusste ja nicht mal er! Ganz schön clever, die Kleine, denkt er. Aber das denkt sich auch Sauriah: Ganz schön clever, der Kleine, aber die Runde geht an mich! Warum hängt der nur immer mit diesem Volltrottel Ricky rum?

Es ist kurz vor halb zehn, und in wenigen Minuten beginnt der Unterricht. Dazu müsst ihr wissen, liebe Kinder: Bei unseren Dinos muss man nicht mitten in der Nacht aufstehen, um zur Schule zu gehen. Bei denen beginnt der Unterricht jeden Tag erst um 9:30 Uhr. Ja, ihr habt recht: Da kann man schon ein bisschen neidisch werden.

 

Wie gesagt, es sind also nur noch wenige Minuten, doch von Ricky ist auf dem Schulhof noch nichts zu sehen. Dino und Sauriah gehen zusammen mit den anderen Kindern in ihre Klasse. Sie setzen sich auf ihre Plätze. Und erst mit dem Klingeln schleicht sich Ricky durch die Tür. Er hofft zwar, dies unbemerkt hinzubekommen. Aber das ist natürlich unmöglich. Und prompt richten sich alle 22 Augenpaare der anderen Kinder auf ihn. Einige machen schmatzende Kussgeräusche, und ein paar rufen ihm zu: „Da kommt ja unser Schmatzipufferle!“, „Hallo, Engelchen!“, „Hattest du denn heute schon ein paar Zuckerratten zum Frühstück?“

Frau Brontmann, die Lehrerin, hebt besänftigend die Hände und zischt ein „Pschschscht!“ durch ihre Zähne. Aber eigentlich denkt sie: Das hat dieses Großmaul auch verdient, dass ihn jetzt mal die anderen Kinder foppen! Ricky schleicht sich mit zartbitterschokoladebraunem Gesicht zu seinem Platz.

Ja, lieber Ricky, so ist es nun mal: Wer sonst immer eine große Klappe hat und ordentlich austeilt, der muss auch mal einstecken können! Aber irgendwie wird man doch das Gefühl nicht los, dass Ricky nicht lange so still bleiben wird. Und so kommt es dann auch.

Als ein wenig Ruhe im Klassenraum eingekehrt ist, öffnet Frau Brontmann die Tür. Sie geht kurz auf den Flur. Und als sie die Klasse wieder betritt, führt sie einen kleinen Dino-Jungen an der Hand. Das darauf folgende Getuschel und Gekicher beendet sie mit einem entschlossenen: „RUHE BITTE!“ Und alle kleinen Dinos sind still und schauen mit großen, neugierigen Augen nach vorn. Was ist das denn bitte für eine Gestalt? Der Junge ist ziemlich … pummelig, man könnte auch sagen dick, und er schielt. Insgesamt eine eher verunglückte Erscheinung, dachte sogar Frau Brontmann. Sie würde Ricky ganz besonders im Auge behalten müssen, wenn der sich wieder von seiner Blamage mit der Zahnärztin erholt hat.

 

„So, liebe Kinder, begrüßt mit mir gemeinsam euren neuen Klassenkameraden Edgar … Fre ... Frezt …“ Nervös fummelt Frau Brontmann in ihrer Aktentasche herum und zieht einen verknitterten Zettel hervor. Ein leichter Schweißfilm überzieht ihre Stirn. Und ihre Stimme zittert ein wenig. „Sein Name ist Edgar … Fritzko … Fretscho …Frikodello …“ Sie lächelt nervös, zieht ein Taschentuch hervor und tupft sich den Schweiß von der Stirn.

 

Der neue Schüler winkt nur genervt ab. Das hat er offenbar nicht zum ersten Mal erlebt. Und er sagt: „Laazen Zie mal, liebbe Frau Brrontmann, ich errledigge das schon.“ Er nimmt ein Stück Kreide, dreht sich um und geht zur Tafel. Als er die Kreide ansetzt, übt er wohl etwas zu viel Druck aus. Auf jeden Fall knackt das Stück in seiner Hand in zwei Hälften, fällt auf den Boden und zerbricht dort in viele kleine Teile. Mein Gott, denkt Frau Brontmann, ungeschickt ist der arme Kerl auch noch!

 

Edgar beugt sich nach vorne und streckt dabei sein mächtiges Hinterteil in die Luft. Ein Kind – und wir alle wissen, wer das ist – macht mit den Lippen ein lautes Furzgeräusch, sodass natürlich alle lachen. Edgar lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen, sondern sucht sich aus den Kreidebröckchen auf dem Fußboden das größte heraus. Dann richtet er sich wieder auf und schreibt seinen vollständigen Namen in großen Buchstaben an die Tafel:

 

Edgar Frzettskosczewzyvilli

Wow … denken wohl alle Schüler im Chor. WAS für ein Name. Wie lange der wohl gebraucht hat, um den auswendig zu lernen … Sauriah beugt sich ein wenig nach vorne und blinzelt mit den Augen, als könne sie den Namen so besser lesen. Und ihre Freundin Lucinda neben ihr wippt im Takt mit dem Kopf, als wenn sie im Geist die Buchstaben zählen würde.

Dino behält die Nerven und dreht sich ganz langsam nach rechts zu Ricky. Der strahlt über das ganze Gesicht, aber beißt sich dabei auf sein kleines Fäustchen, um nicht laut loszulachen. Aber niemand von euch, liebe Kinder, glaubt wohl ernsthaft, dass es dabei bleiben wird, oder?

 

Edgar hält die ganze Sache geduldig aus und schaut ein wenig gelangweilt aus dem Fenster. Wie gesagt: Es scheint so, als sei ihm all dies nicht zum ersten Mal passiert. Nachdem Frau Brontmann mit einem erneuten „PSCHSCHSCHT!!!“ das Kichern und Tuscheln der Kinder unterbindet, schaut er seine neuen Mitschüler an. Er sagt: „Ja, ich weiz, ez izt sicherr fürr euch ein etwas ungewönnlicherr Name. Aberr da, wo ich herrkomme, sind Zungenbrrecherrnamen ganz norrmal! Nehnt mich einfach Edgarr …“

„Fettgar!“ platzt es dann doch aus Ricky heraus. „Edgar Fettgar!“ Und Ricky bricht in Tränen aus und haut mit seinen Fäustchen wiehernd auf sein Pult.

 

Einige Kinder lachen verschämt mit, ein paar verkneifen es sich. Aber auch Dino verliert kurz die Beherrschung und prustet los. „RICKY!!!“, platzt es aus Frau Brontmann heraus. Edgar schaut Ricky ein wenig traurig, ein wenig genervt an. Er denkt sich: Alles klar, das ist hier also der Klassenclown. Mit dem muss ich mich also vor allem auseinandersetzen. „Zweifelloz auch aine gutte Idee. Frrikodello hat mirr perrsönnlich aberr bezzerr gefallen!“ Und er richtet seinen Blick auf Frau Brontmann, die sich beschämt noch einmal den Schweiß von der Stirn tupft. „Wie gezaggt: Ich schlagge vor, ihrr nehnt mich einfach Edgarr. Edgarr F.!“

Ricky zischt Dino zu: „Der schielt vielleicht … der kann mittwochs beide Sonntage sehen!“

 

Dino überlegt kurz, dann versteht er den Witz. Er versucht aber, sich zusammenzureißen. Aber dann muss er doch schmunzeln. Ricky grinst breit, er ist wieder voll da. Die peinliche Sache bei der Zahnärztin hat er offensichtlich schon komplett verdrängt. Ricky ruft Edgar zu: „Hey, Edgar!“ Der dreht sich zu Ricky um und schaut ihn an. Ricky winkt ihm zu, als habe Edgar an ihm vorbeigeschaut: „Huhu, hier bin ich!“ Und wieder brüllt er vor Lachen und haut mit seinen kleinen Fäustchen auf sein Pult.

„So, mein Lieber, JETZT reichts!“ Frau Brontmann nimmt ihre Ohrenzieh-Pinzette aus der Schublade und geht zu ihm rüber. Ihr müsst nämlich wissen, dass die Dinos ganz, ganz kleine Öhrchen haben. Und deswegen hat sich Frau Brontmann extra eine kleine Pinzette umgearbeitet, um frechen Schülern wie Ricky an den Ohren ziehen und sie so aus der Klasse werfen zu können. Und genau das macht sie jetzt auch. Sie packt Ricky mit der Pinzette an einem seiner kleinen Öhrchen, zieht ihn vom Stuhl und bringt ihn zur Tür.

 

Der hat sich nach dem ersten Schreck schnell erholt. Er lacht und ruft Edgar über die Schulter zu: „Freu dich schon mal aufs Mittagessen, Edgar Fettgar! Heute gibt es Frikadellos! Dicke, fette Frikadellos!“ Und Ricky kriegt sich nicht mehr ein. Ein paar Kinder kichern mit, und auch Dino kann nichts machen: Auch er muss über diesen kleinen, durchgeknallten Blödmann lachen.

Als Frau Brontmann mit Ricky an der Tür angelangt ist, öffnet sie diese und schiebt Ricky auf den Flur. Sie baut sich vor ihm auf und sagt: „So, mein Lieber, und hier wartest du jetzt, bis ich dich wieder hereinrufe oder die Stunde vorbei ist. Und in der Zwischenzeit denkst du mal darüber nach, wie unmöglich du dich gerade aufgeführt hast!“

 

In der Zwischenzeit, denkt Ricky, werde ich mir ganz viele neue Gags ausdenken! Aber das werde ich dir alten Spinatwachtel sicher nicht auf die Nase binden! Ein unverschämtes Grinsen kann er sich trotzdem nicht verkneifen. „Und lach mir nicht noch so frech ins Gesicht, du … du …!“ Frau Brontmann sagt jetzt besser nichts, was sie hinterher bereut. Bitte nicht schon wieder eine Diskussion mit seinem unmöglichen Vater! Sie droht ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger und schäumt innerlich vor Wut. Auf sich selbst ist sie natürlich auch sauer. Wie konnte ihr nur das Wort „Frikodello“ rausrutschen, denkt sie ... als Lehrerin … da muss sie doch Vorbild sein! Sie schüttelt mit dem Kopf, geht wieder in die Klasse und schließt die Tür.

 

Drinnen quasseln, tuscheln und kichern die Kinder alle durcheinander, und Edgar steht allein und verlassen vor seinen neuen Klassenkameraden. Und er scheint sich gar nicht wohlzufühlen. Jetzt aber nichts wie Ruhe in diese Situation bringen, denkt Frau Brontmann, und geht schnurstracks zurück ans Lehrerpult.

 

„So, liebe Kinder, jetzt noch einmal ganz in Ruhe von vorne.“ Und dann dreht sie sich zu dem Neuen um. „Edgar, das tut mir wirklich leid, was da gerade passiert ist. Diesen frechen Ricky werde ich mir schon noch vorknöpfen, das verspreche ich dir. Und auch für meinen dummen Versprecher möchte ich mich bei dir entschuldigen. Das tut mir sehr leid, das war wirklich nicht böse gemeint.“ Sie hält ihm ihre Hand hin, und natürlich schlägt Edgar ein.

 

„Daz izt ehrrlich kein Prroblemm, liebe Frrau Brontmann, so etwaz pazierrt! Und zu demm Jungen da drauzen: Ich habbe schon oft die Schulle gewechselt. Solche Typenn bin ich wirrklich gewönnt!“ Frau Brontmann nickt zwar, hat aber doch Angst davor, dass sie diese Geschichte nicht so schnell unter Kontrolle kriegt, wie sie es eigentlich müsste. Zwar versucht sie, ihre Unterrichtsstunde abzuwickeln, aber irgendwie kann sie sich heute nicht richtig konzentrieren. Und so ist sie dann auch froh, als der Gong ertönt und sie die Kinder auf den Schulhof in die Pause schicken kann. Nur einen nicht.

 

„Dino?“ Der dreht sich beim Herausgehen um. „Kommst du bitte noch einmal zu mir nach vorne? Ich muss etwas mit dir bereden.“ Sauriah knipst ihm ein Äuglein zu und flüstert: „Ich warte draußen auf dich!“ Dino geht nach vorne zu Frau Brontmann. Als das letzte Kind dabei ist, die Klasse zu verlassen, ruft sie ihm zu: „Rufus, schließt du bitte die Tür hinter dir?“

Als die beiden allein sind, bittet sie Dino, sich zu ihr zu setzen. „Hör zu, Dino, du weißt, dass ich eine hohe Meinung von dir habe.“ Dino nickt und ahnt schon, worauf dieses Gespräch hinauslaufen wird. „Und dasselbe gilt ja auch für deine Klassenkameraden. Sonst hätten sie dich ja nicht zum Klassensprecher gewählt.“

 

Moment mal … hatten wir das schon erwähnt? In der letzten Woche war nämlich Klassensprecherwahl. Und jetzt ratet mal, liebe Kinder, wer am meisten Stimmen bekommen hat … Ricky ist übrigens auch angetreten. Für ihn hat sich genau ein Schüler entschieden, und wir alle wissen natürlich, dass er das selbst war. Als Stellvertreterin mit nur einer Stimme weniger als Dino wurde Sauriah gewählt. Ein Traumpaar, nicht wahr? Aber das bringt natürlich auch eine gewisse Verantwortung mit sich.

Frau Brontmann fährt fort: „Ich bin ja eure Lehrerin. Und deswegen möchte ich, dass es jedem Kind in meiner Klasse gut geht und ihr alle gerne zur Schule kommt.“ Sie schaut ihm tief in die Augen und lächelt ihn dabei freundlich an. Dino zieht mit weit geblähten Nasenlöchern genüsslich die Luft ein. Mann, denkt Dino, die ist aber auch wirklich duftig! Und dann erinnert er sich daran, dass er vor gar nicht allzu langer Zeit vielleicht ein bisschen verknallt in Frau Brontmann war. Bis er dann Sauriah näher kennenlernte, an die er in letzter Zeit erstaunlich oft denken muss!

 

Frau Brontmann spricht weiter: „Und natürlich kann ich unmöglich vor Schülern negativ über andere Schüler reden. Das verstehst du doch, oder?“ Dino nickt. „Deswegen möchte ich dich um eins bitten: Versuche doch einmal, ein wenig mäßigend auf Ricky einzuwirken. Du weißt doch, was mäßigend bedeutet?“ Dino nickt. „Das bedeutet, dass ich darauf achten soll, dass er sich nicht daneben benimmt.“

 

Frau Brontmann nickt zustimmend. „Genau. Und dass er insgesamt ein bisschen ruhiger wird. Ich merke ja, dass ihr beiden euch ein wenig angefreundet habt. Und dagegen ist ja im Prinzip auch gar nichts einzuwenden.“ Dino denkt kurz nach: Stimmt das? Hat er sich wirklich mit diesem kleinen Chaoten angefreundet? Wahrscheinlich ja, denkt er. „Manchmal kann er aber auch wirklich unterhaltsam sein!“, erwidert er, als wolle er sich entschuldigen. Frau Brontmann zuckt ein wenig zurück und verschränkt die Arme vor ihrer Brust. „Das mag schon sein. Aber sobald seine gemeinen Witze auf Kosten anderer Kinder gehen, geht das natürlich gar nicht!“ Dino nickt entschieden. „Deswegen möchte ich dich bitten, zukünftig ein bisschen darauf zu achten, dass dieser kleine Unruhestifter unter Kontrolle bleibt. Ich verlass mich auf dich!“ Sie steht auf, klopft Dino auf die Schulter und macht damit deutlich, dass das Gespräch beendet ist.

 

Dino geht mit einem dicken Kloß im Hals zur Tür. Wie zum Heiligen Dinoseos sollte er diesen kleinen Chaoten unter Kontrolle kriegen? Irgendwie hatte er das Gefühl, dass die gute Frau Brontmann ihn da ganz schön in die Verantwortung genommen hat! Als er zufällig aus dem Fenster schaut, sieht er, wie Ricky sich vor Edgar aufgebaut hat, mit dem ausgestreckten kleinen Fingerchen auf ihn deutet und sich kaputtlacht. Er schaut aus den Augenwinkeln genauer hin.

 

Dabei sieht er, dass Edgar eine braune Flüssigkeit über das Gesicht tropft. In der Hand hält er eine aufgerissene Milchtüte. Offenbar hatte er sich beim Öffnen mit Kakao bekleckert. Oh mein Gott, denkt Dino, ungeschickt ist der Neue auch noch! Wie um alles in der Welt soll er da Ordnung reinbringen?

 

Was Dino aus dieser Entfernung selbstverständlich nicht sehen kann: In einem nahe gelegenen Busch sitzen, gut versteckt, die drei Kobolde, die sich das ganze Spektakel angucken. Und sie schauen ziemlich ärgerlich aus der Wäsche. Um nicht zu sagen: stinksauer! Offensichtlich finden sie es überhaupt nicht lustig, wie respektlos und gemein Ricky mit Edgar umgeht. Ob die sich wohl kennen?

Pass mal besser gut auf, Ricky, dass du nicht irgendwann mit diesen drei kleinen, geheimnisvollen Gestalten richtig Ärger bekommst!

Du hast recht: Das kann doch wirklich nicht alles sein!?

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