Teil 3:
Dino Fino und das sechsunddreißigzimmrige Onkelhaus

Lange haben wir uns darauf gefreut - jetzt isses da!
 
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Kap1 Die TantkunftPeter Kruck
00:00 / 09:46

  Kapitel 1: Die Tantkunft

​„NEEEIIIIINNN!“ Rotzkopf Rexkowski reißt sich voller Wut sein Toupet vom Kopf und schmeißt es so feste, wie es mit seinen kleinen Ärmchen überhaupt geht, an die Wand. Dort patscht es fest, weil er sich ja immer so viel Glibber in seine Kunsthaare schmiert. Dann rutscht es ganz langsam an den Fliesen herab und glitscht weiter unten in den Mülleimer.

„DOOOCH!“ äfft ihn seine Frau Rabiata mit hoher Fistelstimme und einem breiten Grinsen im Gesicht nach. Dann nimmt sie eine lange Gabel zur Hand, fischt damit die klebrige Männerperücke aus dem Mülleimer und wirft sie über ihre Schulter kommentarlos in das Spülbecken. Rotzkopf schnauft und wütet durch die Küche. Sein dicker Schwanz verfehlt nur knapp das uralte chinesische Teeservice, das dort im Regal steht. Das hat „die Tante“, wie sie offiziell genannt wird, ihrer Schwester Rabiata zum letzten Geburtstag geschenkt. Vater Rexkowski kriegt sich gar nicht mehr ein. Wenn wir nicht genau wissen würden, dass er bloß ein harmloser Quatschkopf mit einer unendlich großen Klappe ist, könnte man jetzt fast ein bisschen Angst bekommen. Denn ein wütender T‑Rex ist ja normalerweise ein ziemlich beeindruckender Anblick!

„Aber … die alte Ziege sollte doch erst nächste Woche kommen!“, jammert er. Dabei setzt er ein flehendes Gesicht auf; seine wütende Grimasse ist wie weggeblasen. Er bildet sich wohl ein, dass er dieses Schicksal noch abwenden kann, wenn er nur ein bisschen mitleidig mit den Augen rollt. Aber seine Frau lächelt ihn hämisch an. Sie sagt: „Stell dich nicht so an, du Heulsuse!“ Und dann holt sie eine Flasche Spülmittel raus. Erst kippt sie ein bisschen über das Toupet. Aber dann schaut sie genau hin und sieht alte Fettränder, ein paar abgenagte Rattenknochen und zwei angebissene Schweinenasen, die in den fettigen Kunsthaaren kleben. Und sie entscheidet sich, doch besser die ganze Flasche darüber zu kippen. „Roberta bleibt doch bloß drei Wochen!!!“ Rotzkopf reißt entsetzt die Augen auf: „Drei Wochen??? … oi oi oi oi oi …“, und er jammert, wie wenn ihm eine Dampfwalze über den Fuß gefahren wäre. Dann schleicht er brummelnd ins Wohnzimmer und schmeißt sich vor die Glotze.

Was zum heiligen Dinoseos ist denn hier geschehen? Ganz einfach, liebe Kinder, ihr werdet euch doch sicher noch an das Ende des letzten Buches erinnern: Da hat sich doch Rickys Tante Roberta von Weidenstedt zum Besuch angekündigt! Tja, und jetzt ist es so weit. Gerade eben hat Mauli, der kleine Maulwurf, im Garten der Rexkowskis eine U-Maul abgeliefert. Wie üblich ist er dafür von Mutter Rabiata mit ein paar dicken Regenwürmern bezahlt worden. Denn wie jede Familie in Echsheim haben auch die Rexkowskis ein großes Glas mit Muttererde im Garten stehen, in dem sich ganz viele Regenwürmer tummeln. Normalerweise hasst es Rickys Mutter, diese klebrigen Viecher dort herauszufischen und dem kleinen Insektenfresser sozusagen als Porto vorzusetzen. Aber in dem Fall hat sie es mit Sonne im Herzen und einem Lied auf den Lippen getan, denn: Der Besuch ihrer geliebten Schwester steht jetzt unmittelbar bevor.

Mit strahlendem Lächeln ruft sie, nachdem sie den frisch gewaschenen Haarersatz ihres Mannes auf die Fensterbank zum Trocknen gelegt hat, nach ihrem Sohn. „RIIICKY!!!“ Oh Mann, denkt Ricky wieder einmal genervt, die hat aber auch eine Stimme, die klingt ja so wie … … Aber Moment! Die klingt ja gar nicht so genervt, so quengelig wie sonst … dieser fröhliche Klang … Und plötzlich weiß Ricky Bescheid. Er schmeißt seinen „Rexman“-Comic (der übliche Superhelden-Quatsch) achtlos zur Seite, springt wie von der Tarantel gestochen hoch und reißt seine Zimmertür auf. Oben auf dem Treppenabsatz blickt er mit weit aufgerissenen Augen und einem vorfreudig strahlenden Grinsen nach unten. Seine Mutter nickt ihm nur glücklich zu: „Ja, endlich ist es so weit! Die Tante kommt jeden Augen-…“, und noch bevor Rabiata den fehlenden „…blick“ anhängen kann, klingelt es an der Tür.   

Na ja … bei normalen Leuten würde es jetzt vielleicht klingeln, aber hier macht es laut „QUIIIIEEEK QUIIIEEEK“! Rotzkopf hat nämlich letztens für seinen Sohn eine Türklingel besorgt, die lustige Tiergeräusche macht. „Das Schwein quiekt ja so, als ob es gerade abgestochen wird!“, hat Ricky gesagt, als er die Klingel zum ersten Mal gehört hat. Und Vater und Sohn haben sich vor Lachen in den kleinen Ärmchen gelegen. Nun ja … ein klarer Fall von Fleischfresser-Humor.

Rabiata öffnet die Tür, und da steht sie: ihre kleine Schwester! Beide strahlen sich vor lauter Wiedersehensfreude an. Roberta grinst: „War das dein Mann, der da gerade wie am Spieß gequietscht hat?“ Dann lachen beide, und Roberta ruft über Rabiatas Schulter in Richtung Wohnzimmer, wo sie den Alten zu Recht vor der Glotze vermutet: „Stell dich nicht so an, du Jammerlappen! In drei Wochen bin ich doch schon wieder weg!“

Dann endlich fallen sich die Schwestern um den Hals. Und nachdem sie sich ausgiebig auf den Rücken geklopft und auf die Wangen geküsst haben, ist auch Ricky dran! „Komm mal her, mein kleiner Schatz!“ Ricky rennt auf seine Tante zu und springt ihr in die kleinen Ärmchen, die so weit geöffnet sind, wie es eben geht!

Für Ricky ist es ein ganz großer Moment. Immer, wenn seine Tante zu Besuch kommt, hat er das Gefühl, dass sich plötzlich die ganze Welt für ihn öffnet. Meistens kommt sie gerade von einer tollen Reise, wie auch jetzt. Und dann hat sie die verrücktesten Geschichten zu erzählen. Ricky liebt es, wenn sie die Familie besucht. Und so ist es dann auch ein ganz besonderer Moment, wenn sie ihn in den Arm nimmt … Irgendwie hat Ricky immer dann – und eigentlich immer nur dann – das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Vor lauter Rührung schluchzt er ein-, zweimal leise auf. Und das Tränchen ist nicht das Einzige, was in diesem Moment seinen Körper verlässt …


Vor Entsetzen reißt seine Tante die Augen weit auf, als der Furz, der gerade fast völlig geräuschlos mit einem zarten „Ffffffthhh“ aus Rickys Hintern geschlichen ist, ihre Nasenlöcher erreicht. Roberta schaut Rickys Mutter an und sagt: „Das mit seinen Blähungen ist also immer noch nicht besser geworden?“ Rabiata schüttelt nur mit genervt‑amüsiertem Blick den Kopf: „Normalerweise macht er aber dabei auch noch einen Krach, dass die Scheiben klirren!“ Beide Schwestern lachen sich mit schüttelndem Kopf zu; Ricky hängt seiner Tante immer noch um den Hals. Am liebsten würde er sie gar nicht mehr loslassen!

Nur ein paar Häuser weiter wohnt – das wisst ihr natürlich, liebe Kinder – unser Freund Dino Fino. Auch hier herrscht Hochstimmung, aber hier ist die ganze Familie glücklich: Vater Fino kriegt heute seine Auszeichnung vom Saurischen Journalisten-Verband. Er bekommt den Preis für die beste Kriminalberichterstattung des letzten Jahres. Die Geschichte über die Festnahme der Räuberbande und die Rückgabe der gestohlenen Gegenstände hat ihm den Ruhm eingebracht. Na super, hat Dino nicht nur einmal gedacht! Wenn der die GANZE Geschichte gekannt hätte, also wie er und Ricky den Räubern den Schatz abgenommen haben, wie sie den dann versteckt haben, und wie Ricky dann entführt, erpresst und befreit wurde … dann hätte er wohl alle Preise zusammen abgeräumt. Die ganze Familie Fino ist also auf dem Weg zur Preisverleihung in das Echsheimer Rathaus. Alle sind fein rausgeputzt, allen voran Feodora, die zum ersten Mal auf eine solche Veranstaltung mitgenommen wird. Das kleine Schnütchen steht nicht still … sie ist ganz aufgeregt. Und wie sie so ihre Mutter vollplappert, lassen sich die beiden Männer der Familie zwei, drei Schritte zurückfallen.

Vater Fino fragt seinen Sohn: „Sag mal, Dino, ich hab da heute etwas in der Redaktion gehört … das kann doch nicht wahr sein, oder? Die berühmte Reiseschriftstellerin Roberta von Weidenstedt ist die Tante von Ricky?“ Dino nickt ihm nur schulterzuckend zu. „Ja, ich glaube, so heißt die. Wieso? Kennst du die?“ Vater Fino schaut seinen Sohn entsetzt an. „Wie bitte? ‚Kathedralen der Menschheit‘? ‚Wüsten dieser Welt‘? ‚Unterwegs im ehemals ewigen Eis‘“? Dino reißt erstaunt seine Augen auf: „Du willst doch wohl nicht sagen, dass …“. Der Vater nickt ihm vielsagend zu: „Natürlich! Die Bücher sind von ihr!“ Dino kippt fast hinten rüber: „Die hab ich doch alle drei gelesen! Aber den Namen habe ich mir nicht gemerkt!“

Die Familie biegt auf die Hauptstraße ein. Vater Fino fragt seinen Sohn: „Sag mal … weißt du, was die hier will?“ Dino antwortet: „Also, wie ich das mitbekommen habe, kommt die wohl regelmäßig zum Fest des friedlichen Zusammenlebens!“ (Keine Angst, Kinder, ihr habt noch nichts verpasst. Dazu erzählen wir euch später mehr!) „Aber dieses Mal ist wohl kurzfristig noch etwas hinzugekommen. Und zwar haben die wohl geerbt. Von einem Uronkel, der vor ewigen Zeiten für tot erklärt wurde. Da geht es wohl um ein Haus, um ein riesengroßes Haus, das wäre wohl beinahe mal ein Museum geworden oder so!“ Und in Vater Finos Kopf klingeln plötzlich die Alarmglocken. Na, denkt er, das klingt doch mal nach einer erstklassigen Geschichte! Und er nimmt sich vor, da mal zur rechten Zeit nachzuhaken.

Ich glaube, liebe Kinder ich verrate nicht zu viel, aber wenn Vater Fino das schon für eine erstklassige Story hält, was wird er dann erst sagen, wenn er die ganze Geschichte kennt? Wenn er sie denn überhaupt jemals ganz erfahren wird … ihr könnt euch sicher nicht vorstellen, was man in einem geheimnisvollen, alten Haus mit unglaublichen sechsunddreißig Zimmern alles entdecken kann! Oder vielleicht doch?

 

Kap2 Jetzt erzähl doch malPeter Kruck
00:00 / 18:03

 Kapitel 2: Jetzt erzähl doch mal!

Die beiden Schwestern nehmen am Küchentisch Platz. Mutter Rexkowski sagt: „Jetzt erzähl doch mal! Du hast geschrieben, du warst in Asien und hast dort die Klöster bereist. Wie man sieht, hast du ja auch dein Aussehen entsprechend angepasst!“ Und sie zeigt auf die japanische Perücke, die ihre Schwester trägt, und den seidenen Kimono. „Genau!“, antwortet Roberta. „Und das erinnert mich doch noch an etwas!“ Und sie greift unter den Tisch in ihre Tasche und zieht zwei schön verpackte Geschenke heraus. Als Rabiata diese öffnet, muss sie sich echt anstrengen, ein erfreutes Gesicht zu machen: Da findet sie ebenfalls eine schwarze, japanische Perücke und einen Kimono. Irgendwie mag sie das gar nicht, wenn sie von ihrer Schwester solche Geschenke bekommt. Denn dann fühlt sie sich immer irgendwie kritisiert. Sie denkt dann immer, ihre Schwester würde ihr sagen wollen: Sei doch mehr wie ich! Aber immerhin kriegt sie es hin, ein freundliches Gesicht zu machen und sich artig zu bedanken.

Selbstverständlich ist sie ehrlich an den neuen Abenteuern ihrer Schwester interessiert. Aber leider hat das auch immer eine dunkle Seite: Rickys Mutter wird nämlich immer ganz neidisch, wenn sie von den tollen Geschichten ihrer Schwester hört. Sie fühlt sich dann wie das kleine Hausmütterchen, das hier in Echsheim versauert, während ihre tolle Schwester in der Welt herumreist.

Roberta weiß das natürlich. Und deswegen versucht sie auch, möglichst nicht ins Schwärmen zu geraten. Sie möchte nicht, dass sich ihre Schwester schlecht fühlt, nur weil sie so ein interessantes Leben führt. „Also das war schon eine sehr spannende Erfahrung! Aber natürlich unendlich anstrengend. Die leben da schon ein anderes Leben als wir. Die sind andere Sachen gewöhnt, und gerade die Klosterbewohner gehen schon oft sehr hart mit sich um!“ Rabiata setzt ein breites Grinsen auf. DAS gefällt ihr jetzt nun wieder. Roberta spürt das und setzt nach: „In Tibet zum Beispiel, da musste ich die ganze Zeit auf einer dünnen Bambusmatte schlafen!“ Rabiata schlägt sich mit gespieltem Entsetzen das kleine Händchen vor das Riesenmaul: „NEIN! Das ist ja ENTSETZLICH!“ Roberta nickt nur. „Und die Toiletten waren draußen im Hof!“ Ihre Schwester schüttelt fassungslos mit dem Kopf. Aber ihre Erleichterung darüber, dass die Reise nach Asien offensichtlich doch nicht so toll war, ist ihr deutlich anzumerken.

Deswegen ist Roberta auch froh, dass sie das Thema wechseln kann, als Rickbert die Küche betritt. Er trägt den weißen Karateanzug, den ihm seine Tante mitgebracht hat. Und in seinen Händen hält er das Samurai-Schwert, das ebenfalls zu seinen Geschenken gehört hat.

 

Er hat seine Äuglein fest zusammen gekniffenen und fuchtelt mit seinen kleinen Händchen in der Luft herum. Dabei macht er Geräusche, wie er sie aus den Kung-Fu-Filmen im Fernsehen kennt: Er quetscht sich ein „Huaaahhh“ heraus und quäkt ein „Hijjjahhh“ in die Küche. Als er sich auf den Zehenspitzen des linken Fußes um die eigene Achse dreht, verliert er kurz das Gleichgewicht.

Mit einem blitzschnellen Reflex reißt ihn aber seine Tante rechtzeitig zurück, bevor er mit dem Schwanz in das Regal mit dem Geschirr knallt. Das teure Teeservice hat gerade zum zweiten Mal innerhalb nur weniger Minuten knapp überlebt. Ob es nun der Schreck war oder die Anstrengung, ist schwer zu sagen. Fakt ist aber, dass Ricky – PRÖÖÖT – mit voller Wucht einen Stinker in die Küche bläst, der sich gewaschen hat. Seine Mutter verdreht nur genervt die Augen, steht auf und öffnet das Fenster. Sie sagt zu ihrer Schwester, der offensichtlich kurz schwindelig wird, weil sie diesen Gestank ja nicht gewöhnt ist: „Und deswegen …“, und dabei schaltet sie die Dunstabzugshaube ein, „… bin ich immer froh, wenn ihm das in der Küche passiert!“

Rabiata kontrolliert besorgt ein Stuhlbein. Denn dagegen hat Ricky sein Schwert geschlagen, als er das Gleichgewicht verloren hat. Aber da ist nicht mal ein kleiner Kratzer dran! Mutter Rexkowski zieht nachdenklich die Augenbrauen zusammen und nimmt das Schwert in die Hand. „Keine Sorge!“, sagt Roberta zu ihrer Schwester, „… das ist extra ein Modell für Kinder! Da kann natürlich nichts passieren.“ Das wird jetzt wohl niemanden wundern. Denn normalerweise sind diese Schwerter so scharf geschliffen wie eine Rasierklinge. So etwas Gefährliches dürfte man natürlich Ricky auf keinen Fall in die Hand drücken. Das wäre ungefähr genauso verantwortungslos, wie wenn man einem gelangweilten Schimpansen eine geladene und entsicherte Pistole in die Hand drückt.

Ricky schaut noch einmal voller Stolz an sich herab. Der weiße Anzug mit dem schwarzen Gürtel … er weiß jetzt schon: Das ist sein neues Lieblingsoutfit. Tante Roberta lächelt ihren kleinen, chaotischen Stinker liebevoll an und streichelt ihm über den Kopf. Der, mit Zärtlichkeiten offensichtlich nicht verwöhnt, schmeißt sich direkt an ihre Brust und klammert sich an ihr fest. Plötzlich schreckt Roberta hoch: „Oh Mann, jetzt hab ich doch direkt das Geschenk für deinen Vater vergessen!“ Sie springt auf und hastet die Treppe hoch. Dort kramt sie ein wenig in ihrem Gepäck und kommt mit einem großen Paket zurück. Mit diesem geht sie ins Wohnzimmer, öffnet die Terrassentür und ruft in den Garten: „Schwager! Kommst du mal?“

 

Rotzkopf, der mit einer Harke wütend in einem Blumenbeet herumhackt, legt brummelnd sein Werkszeug zur Seite und geht widerwillig zu den beiden Schwestern ins Haus. Roberta überreicht ihm sein Geschenk. Rotzkopf zieht schon einmal skeptisch die Augenbrauen zusammen. Er weiß: Geschenke von seiner Schwägerin haben es meistens in sich. Er öffnet das Paket und zieht einen Kopf aus Porzellan heraus; die Augen haben deutlich asiatische Züge. Er blickt die Frauen fragend an. Darauf sagt Roberta: „Das ist ein neuer Perückenständer! Aus China! Für dein Toupet!“ Rotzkopf stellt den Kopf auf den Tisch und verschränkt schmollend seine kleinen Ärmchen vor der Brust. „Das ist keine Perücke! Das sind Ergänzungshaare!“ Er läuft zum Wohnzimmerschrank und sucht dort in einer Schublade herum. Als er das Zettelchen findet, dreht er sich zu ihr um: „Hier in dem Zertifikat steht es: ‚Diese wunderbare Haarergänzung unterstützt auf natürliche Art ihren ganz natürlichen Haarwuchs!‘ Da hörst
du’s!“

Jetzt kann sich Roberta nicht mehr zurückhalten: „Erstens ist das grauenvolles Echsisch! Zweimal ‚Haar‘ und zweimal ‚natürlich‘ in einem Satz? Das können doch nur Amateure geschrieben haben.“ Und dann baut sie sich direkt vor ihm auf und tippt ihm im Rhythmus ihrer Worte mit ihrem kleinen Fingerchen auf die Brust. „Und zweitens: …“, tipp, „… wir sind Dinosaurier. Wir haben …“, tipp, „… keine Haare. Und wenn …“, tipp, „… wir Haare haben, sind es …“, tipp, „… Perücken, die wir uns aufsetzen. Das machen …“, tipp, „… aber nur Frauen. Und … …“, tipp, „… Typen wie du!“

Rotzkopf läuft dunkelbraun an. Typen wie du!!! Was wollte die blöde Ziege denn damit sagen? Jetzt wird er richtig wütend. Dummerweise hat er vor seiner Schwägerin aber so viel Respekt, dass ihm die passenden Worte fehlen: „Du … du …“, und er japst ihr mit weit aufgerissenem Maul direkt ins Gesicht. Aber Roberta hat noch nicht genug und wedelt sich mit der Hand frische Luft zu: „Sag mal … gab‘s heute etwa wieder Zwiebelmett zum Frühstück?“ Da dreht sich Rotzkopf um und stapft wütend aus dem Wohnzimmer in den Garten.

Ricky zeigt sich kurz unsicher. Normalerweise hält er ja zu seinem Vater. Nee, anders: Normalerweise behauptet sein Vater ja immer, dass Männer zusammenhalten müssen. Und dann fühlt sich Ricky ja irgendwie auch von ihm in die Pflicht genommen. Aber das Wichtigste ist: Jetzt ist die Tante da, die hat er eben nur ein paar Tage im Jahr. Da musste man rausholen, was man rausholen kann. Roberta bemerkt die Unsicherheit des Kleinen und reagiert prompt. Sie sagt zu ihrer Schwester: „Ich glaube, mein kleines Schätzchen hier und ich …“, und sie nimmt Ricky in den Arm, „… wir gehen jetzt mal in sein Zimmer und führen ein Gespräch unter vier Augen!“ Rabiata nickt nur, zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich kümmere mich dann mal um das Abendessen!“

Oben angekommen, setzen sich beide auf Rickys Bett. Die Tante sagt: „Und? Was hast du mir zu erzählen? Was gibt’s bei dir Neues? Was hast du denn im letzten Jahr alles angestellt?“ Ricky reißt die Augen auf, und um ein Haar wäre ihm die Geschichte mit den Räubern rausgerutscht. Wie er den einen umgehauen hat und er dann später entführt und befreit wurde. Und von dem Mottengeschwader und den drei Kobolden. Aber … das geht ja nicht!!! Das kann er ihr ja unmöglich auf die Nase binden! Oh MANN, denkt er, was für ein Echsendreck!

Seine Tante bekommt natürlich mit, dass Ricky ihr etwas verheimlicht. Aber sie beschließt, den Kleinen erst einmal in Ruhe zu lassen. Sie war ja gerade erst angekommen! Auch das offensichtlich problematische Verhältnis mit seinem Vater spricht sie jetzt besser noch nicht an. Und so plaudern die beiden ein bisschen über die Schule, über seinen neuen Freund Dino und über die Mädchen in der Klasse. Als Ricky diese „Schnecken“ und „Hühner“ nennt, sagt sie auch erst mal nichts. Aber auch das wird noch Thema zwischen den beiden sein müssen, denkt sie. Es gibt also offenbar noch einiges zu tun in den nächsten drei Wochen.

Und natürlich erzählt sie Ricky auch von ihrer Forschungsreise durch die Tempel und Klöster Asiens. Und plötzlich fällt Ricky etwas ein. Hatte Dino, dieser Klugscheißer, nicht behauptet, es gäbe keine Kung-Fu-Klöster in Japan? Jetzt kann er das ja mal mit einer Expertin klären! Ganz aufgeregt springt er auf und tippelt auf der Stelle herum. „Tante, Tante, Tante, pass auf, da fällt mir eine ganz wichtige Frage ein: Die Kung-Fu-Klösterse kommen doch aus Japan, oder?“ Die Tante wiegt den Kopf abwägend hin und her. „Also ursprünglich stammt Kung-Fu aus den sogenannten Shaolin-Klöstern in China. Aber mittlerweile gibt es die auch in Japan. Wieso?“ Ricky jubelt: „HAHHH! Wusste ichs doch! Dem Wackelkopf werd ichs zeigen!“ Roberta will nachfragen, was er damit meint, aber in dem Moment ruft Mutter Rexkowski: „Essen ist fertig!“

Als die Tante und Ricky die Küche betreten, sitzt Rotzkopf bereits auf seinem Platz, um den Hals eine riesengroße Serviette gebunden. Darauf steht: Gib dem König Futter! Und die Buchstaben sind aus Würstchen geformt – ein Geschenk seiner Frau. Auf dem Tisch befindet sich eine riesige Platte mit den verrücktesten Sachen darauf: gekochte Ziegenfüße, frittierte Ratten am Spieß, gefüllte Innereien, gebratene Schweinenasen, wabbelige Speckschwarten und verschiedene Würste, bei denen wirklich niemand wissen wollte, was alles darin verwurstet wurde. Daneben steht eine große Schüssel mit Grünzeug.

Vater Rexkowski hat sich bereits einen Teller mit tropfenden und triefenden Fleischstücken vollgeladen. Das glibberige Fett läuft ihm links und rechts aus den Mundwinkeln. Als Ricky und seine Tante Platz nehmen, zeigt er auf den Salat und sagt: „Was machen denn diese komischen Gartenabfälle hier auf dem Tisch? Hat da jemand den Komposthaufen geplündert?“ Und er lacht dreckig. Rabiata verzieht nur genervt die Augen und sagt: „Das ist Salat. Du weißt doch, dass meine Schwester Vegetarierin ist, seit sie mit Hyazinthus verheiratet ist!“ Rotzkopf verzieht nur grinsend das Gesicht und schüttelt mit dem Kopf.

Rickys Mutter nimmt einen Rattenspieß und will ihn ihrem Sohn auf den Teller legen. Aber der schaut nur bewundernd zu seiner Tante auf und sagt: „Ich will auch Salat!“ Jetzt reicht‘s Rotzkopf! Mit beiden Fäustchen haut er auf den Tisch. Aber weil die so klein sind, ist das natürlich nicht besonders beeindruckend. Aber dann reißt er sein Riesenmaul auf und brüllt seinem Sohn ins Gesicht: „Du isst, was auf den Tisch kommt!“ Dabei spritzen ihm gar nicht so kleine Teile eines undefinierbaren, matschigen Breis aus seinem Mund.

Ricky antwortet genauso empört: „Aber der Salat FFFTEHT AUF DEM TISCH! ICH WILL FFFALAAAT!“ Und schmollend verschränkt er die kleinen Händchen vor seiner Brust. Vater Rexkowski nimmt seinen Teller, steht auf, brummelt: „Ach, macht doch, was ihr wollt!“ und verzieht sich wütend ins Wohnzimmer. Die beiden Schwestern lächeln sich nur genervt an und zucken mit den Schultern. Na, Prost Mahlzeit, denkt seine Mutter, das kann ja noch heiter werden.

Rabiata, Roberta und Ricky räumen, nachdem sie das Essen beendet haben, gemeinsam den Tisch ab. Immer, wenn Ricky sich unbeobachtet fühlt, steckt er sich heimlich eine Schwei­nenase oder ein Würstchen in den Mund. Die beiden Frauen kriegen das natürlich mit und grinsen sich dann immer an. Plötzlich klingelt es. Roberta fragt ihre Schwester: „Erwartest du noch jemanden?“ Rabiata schüttelt nur mit dem Kopf und geht zur Tür. Davor stehen Dino und seine Mutter. Und wenn man genau hinschaut, erkennt man auch Waldemar, den kleinen Schmetterling, der offensichtlich auch ganz neugierig auf Rickys Tante ist und seinen besten Freund Dino wieder einmal begleitet hat.

Rabiata sagt: „Frau Fino … Dino … na, das nenne ich mal eine Überraschung!“ Sie versucht zwar, dabei nicht unhöflich zu klingen, aber so recht gelingt ihr das nicht. Frau Fino antwortet: „Ja, guten Abend, Frau Rexkowski, bitte entschuldigen Sie den Überfall, aber … wir haben gerade erfahren, dass Ihre Schwester zu Besuch ist … also Roberta von Weidenstedt … und … na ja, da wollten wir mal kurz ‚Hallo‘ sagen … wir sind nämlich große Fans!“

Plötzlich platzt Ricky dazwischen: „HAAA, DU KLUGFFFEIFFFER! UND OB DIE KUNG-FU-KLÖFFFTERFFFE AUFFF JAPANIEN KOMMEN!“ Da kommt seine Tante dazu und zieht das kleine Großmaul zur Seite. In der Hand hält sie einen angebissenen Apfel, auf dessen anderer Hälfte sie offensichtlich herumkaut. Mit einem „Schschscht, schschscht, schschscht, schschscht, schschscht“ und der dazugehörigen beschwichtigenden Geste versucht sie, Ricky zu beruhigen.

Dino strahlt die berühmte Autorin an. Er kann immer noch nicht fassen, dass diese hochintelligente, vernünftige Frau ausgerechnet die Schwester von Rickys schriller Mutter sein soll! Da tritt sie auch schon näher an die beiden Besucher heran und gibt ihnen die Hand: „Hallo, ich bin Roberta von Weidenstedt! Mit wem habe ich denn das Vergnügen?“ Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Ich bin Friedegunde Fino, und das hier ist mein Sohn Dino!“ Die Tante richtet sich an den Kleinen: „Ah! Du bist also Dino, Rickys neuer Freund!“

Für Dino klingt das immer noch sonderbar, wenn er offiziell als Freund dieser kleinen Knalltüte bezeichnet wird. Aber in dieser Situation nickt er natürlich höflich. „Ich bin ein großer Fan Ihrer Bücher!“ Dass er aber bis vor Kurzem ihren Namen nicht wirklich kannte, verschweigt er. Erklären kann er sich das nicht. „Am besten gefallen hat mir ‚Wüsten dieser Welt‘! Wie war es denn da, als sie für das Buch geforscht haben?“ Roberta antwortet: „Nun ja … heiß würde ich sagen!“ Ricky platzt ein bisschen zu laut lachend raus: „Ha ha ha! Heiß! Ich lach mit tot … HEIFFF!!!“ Für Ricky ist es offensichtlich nur schwer bis gar nicht zu ertragen, wenn er nicht Mittelpunkt eines Gesprächs ist.

Frau Rexkowski reißt sich zusammen und sagt etwas, was sie eigentlich gar nicht möchte: „Darf ich Sie denn hereinbitten?“ Aber Frau Fino schüttelt nur mit dem Kopf und sagt: „Nein, nein, wir wollten wirklich nur ganz kurz Hallo sagen. Wir möchten Sie nicht stören. Denn Sie haben sich sicherlich viel zu erzählen. Ich wollte Ihnen nur das hier mitbringen, Frau von Weidenstedt!“ „Roberta. Nennen Sie mich doch bitte Roberta!“ Frau Fino lächelt ein bisschen beschämt. „Okay! Roberta! Dann nennen Sie mich bitte Friedegunde.“ Sie überreicht der berühmten Schriftstellerin ein Glas Honig mit einem schönen, blau-goldenen Etikett. „Hier, bitte sehr! Das ist die ‚Echsheimer Königsblüte‘, ein ganz besonderer Honig, den stellt ein guter Freund von uns her. Der ist ganz besonders gesund!“ Roberta strahlt vor Freude: „Oh, das ist aber toll! Danke sehr! Das ist wirklich sehr aufmerksam von Ihnen! Vielleicht darf ich Sie und Ihre Familie mal auf ein Eis einladen?“ Friedegunde antwortet „Ja, das wäre wirklich sehr nett!“ Frau Fino wendet sich Ricky zu. „Und wir, lieber Rickbert, sehen uns ja morgen bei unserem ersten Vorbereitungstreffen für das große Fest des friedlichen Zusammenlebens!“

Frau Fino und ihr Sohn verabschieden sich, und als sie ein paar Meter gegangen sind, raunt Dino seiner Mutter zu: „Sag mal, hat Rickys Tante da allen Ernstes einen Apfel gegessen?“ Seine Mutter nickt und flüstert ihm zu: „Ja, ich habe mal gelesen, dass sie mit einem Pflanzenfresser verheiratet ist und seitdem vegetarisch lebt!“ Dino schmunzelt. Das ist ja witzig, denkt er! Ausgerechnet Rickys Tante ist Vegetarierin! Waldemar, der kleine Schmetterling, sitzt auf Dinos Schulter und schaut ganz verzückt zurück zum Haus der Rexkowskis. Offensichtlich ist auch er von Tante Roberta schwer beeindruckt.

Als die drei Tyrannosaurus Rex wieder ins Haus gehen, verdrehen Ricky und Rabiata hinter dem Rücken der Tante genervt die Augen. Das hat den beiden auch noch gefehlt! Dass sich die Mutter von Dino mit IHRER Tante anfreundet! Denn dass die beiden sich sympathisch sind, hat man auf den ersten Blick gemerkt.

Ricky sagt zu seiner Mutter: „Auf jeden Fall gibt’s Kung-Fu-Klösterse in Japanien!“ Er verzieht entschlossen das Gesicht. „Und das eine sag ich dir: Mit dem Wackelkopf bin ich noch nicht fertig!“ Rabiata seufzt genervt und trottet ihrer Schwester hinterher.

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